Nachhaltigkeit ist zu einem zentralen Handlungsfeld der Elektrobranche geworden. Hersteller von Komponenten, Systemen und Haushaltsgeräten investieren in klimafreundliche Produktionsprozesse, entwickeln ressourcenschonende Produkte und positionieren sich verstärkt als verantwortungsbewusste Akteure. Für das Elektrogewerbe ergeben sich daraus neue Anforderungen – aber auch wertvolle Chancen für Beratung, Differenzierung und unternehmerische Entwicklung.
Was lange als Randthema galt, ist heute ein wirtschaftlicher und politischer Imperativ: Nachhaltigkeit umfasst nicht nur den sparsamen Umgang mit Ressourcen, sondern auch die Verantwortung für soziale und ökologische Auswirkungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Politische Leitlinien wie die UNO-Agenda 2030 oder die Schweizer Energie- und Klimastrategien formulieren klare Erwartungen an die Industrie. Auch auf europäischer Ebene werden Standards laufend verschärft, etwa durch neue Energieetiketten, Ökodesign-Verordnungen oder Anforderungen an die Reparierbarkeit.
Innerhalb der Industrie wächst das Bewusstsein, dass Nachhaltigkeit mehr ist als CO₂-Kompensation oder Greenwashing. Es geht um glaubwürdige Strategien, messbare Ziele und eine ganzheitliche Betrachtung von Produktion, Nutzung und Entsorgung. Unternehmen, die ihre Prozesse ökologisch optimieren, Materialien im Kreislauf führen und soziale Aspekte integrieren, sichern sich nicht nur regulatorische Konformität, sondern auch Marktzugang und Reputation.
Auch auf Produktebene ist der Wandel deutlich sichtbar. Komponenten und Systeme werden heute so entwickelt, dass sie effizient arbeiten, lange halten und sich möglichst einfach warten oder recyceln lassen. Die Konstruktion folgt zunehmend den Prinzipien der Modularität und Reduktion. Verpackungen werden materialoptimiert, die Logistikprozesse auf Emissionen geprüft. Viele Geräte erreichen Spitzenwerte bei der Energieeffizienz und lassen sich intelligent steuern, um im Alltag möglichst wenig Ressourcen zu verbrauchen. Gleichzeitig steigt die Transparenz. Kunden erwarten nachvollziehbare Informationen zu Herkunft, Lebenszyklus, Reparaturmöglichkeiten und Rücknahmeangeboten. Die Einhaltung anerkannter Umwelt- und Sozialstandards wird zunehmend vorausgesetzt. Wer heute erfolgreich sein will, muss Nachhaltigkeit als Qualitätsmerkmal verstehen – nicht als Zusatzoption.
Ein entscheidender Aspekt nachhaltiger Industrieproduktion liegt in der Lieferkette. Ob Rohstoffe, Zwischenprodukte oder Zulieferteile – je komplexer die Struktur, desto grösser das Risiko in Bezug auf Umweltbelastung, Energieverbrauch und soziale Bedingungen. Immer mehr Unternehmen streben deshalb nach Transparenz, arbeiten mit standardisierten ESG-Kriterien und setzen auf langfristige, überprüfbare Partnerschaften. Auch die Wahl regionaler Lieferanten kann einen Beitrag zur CO₂-Reduktion leisten und hilft, Transportwege zu verkürzen.
Die Transformation hin zu einer nachhaltigeren Industrie findet nicht im luftleeren Raum statt. Branchenorganisationen wie Swissmem oder Swisscleantech leisten einen wichtigen Beitrag, indem sie Unternehmen konkrete Leitlinien, Handlungshilfen und wissenschaftlich abgestützte Empfehlungen zur Verfügung stellen. Ziel ist es, Nachhaltigkeit systematisch in allen Wertschöpfungsstufen zu verankern – von der Rohstoffbeschaffung über die Produktion bis zur Entsorgung. So hat Swissmem, der führende Verband für KMU und Grossfirmen der Schweizer Tech-Industrie, eine umfassende Nachhaltigkeitsplattform aufgebaut, auf der Unternehmen Zugang zu Fakten, Tools und Best-Practice-Beispielen erhalten. Im Zentrum stehen die Reduktion von Treibhausgasemissionen, Energieeffizienz, Kreislaufwirtschaft und die Integration von ESG-Kriterien in Unternehmensprozesse. Swisscleantech wiederum positioniert sich als wirtschaftsnaher Klimaverband, der sich für marktbasierten Klimaschutz und realistische Transformationspfade einsetzt – mit dem Ziel, die Schweiz bis 2050 klimaneutral zu machen.
Solche Initiativen zeigen, dass Nachhaltigkeit nicht nur durch technische Lösungen vorangetrieben wird, sondern auch durch strategische Zusammenarbeit innerhalb der Branche. Für Betriebe im Elektrogewerbe bieten sie eine wertvolle Orientierung – und die Möglichkeit, sich in einen grösseren Kontext einzuordnen, der weit über den eigenen Betriebsalltag hinausreicht.
Die Idee der Kreislaufwirtschaft gewinnt an Boden. Statt linearen Nutzungspfaden – produzieren, verkaufen, entsorgen – rücken Konzepte in den Fokus, die Reparatur, Wiederaufbereitung und Materialrückführung stärken. In der Praxis zeigt sich: Wer Geräte so konzipiert, dass sie sich leicht warten, reparieren oder modular erweitern lassen, schafft nicht nur ökologische, sondern auch ökonomische Vorteile. Die Lebensdauer von Produkten wird zum Verkaufsargument. Gleichzeitig entstehen neue Geschäftsmodelle rund um Wartung, Rücknahme und Wiederverwendung.
Ein zentrales Element nachhaltiger Kreisläufe ist die fachgerechte Entsorgung und stoffliche Verwertung von Altgeräten. In der Schweiz sorgt das SENS-System seit Jahren für klare Regeln, verlässliche Logistik und hohe Recyclingquoten. Über das SENS eRecycling-System werden jährlich mehr als 100 000 Tonnen Elektro- und Elektronikgeräte gesammelt, demontiert und in den Materialkreislauf zurückgeführt – von Haushaltgeräten über Unterhaltungselektronik bis hin zu Elektrowerkzeugen. Finanziert wird das System über den vorgezogenen Recyclingbeitrag (vRB), der beim Kauf eines neuen Geräts erhoben wird. Diese Gebühren decken Transport, Demontage, Sortierung und Wiederverwertung. Fachgeschäfte und Installationsbetriebe sind ein wichtiger Teil dieses Systems: Sie nehmen Altgeräte kostenlos zurück und sorgen für die Weiterleitung an zertifizierte Sammelstellen oder Rücknahmezentren. Gerade grössere Installationsunternehmen, die Geräte im Rahmen von Projekten ersetzen, tragen mit ihrer Logistik und ihrem Know-how wesentlich zur Effizienz des Systems bei. Die Rückgewinnung hochwertiger Rohstoffe wie Aluminium, Stahl, Kupfer oder Kunststoffe reduziert den Bedarf an Primärressourcen. Gleichzeitig werden Schadstoffe wie FCKW, PCB oder Quecksilber fachgerecht entfernt.
Für Installateure lohnt sich ein aktives Engagement mehrfach, denn wer das Thema Recycling in der Kundenberatung thematisiert, unterstreicht seine Fachkompetenz und schafft Vertrauen. Gleichzeitig lassen sich Prozesse professionalisieren – etwa durch Rücknahmesysteme im Servicefahrzeug oder Partnerschaften mit zertifizierten Rückführungsstellen. So wird die letzte Phase des Produktlebens zum Teil einer glaubwürdigen Nachhaltigkeitsstrategie.
Menge nach Produktart und Gewicht | Quelle: SENS-eRecycling Factsheet Oekobilanz-2024
Neben Technologien, Materialien und Prozessen spielt auch der Mensch eine zentrale Rolle für den Erfolg nachhaltiger Strategien. Gerade in der Industrie hängt vieles davon ab, ob die Mitarbeitenden in Produktion, Montage, Logistik und Entwicklung die Ziele und Hintergründe verstehen und aktiv mittragen. Nachhaltiges Wirtschaften beginnt nicht erst bei der Produktentwicklung, sondern schon bei der Frage, wie in der Fertigung mit Energie, Materialien und Ressourcen umgegangen wird. Viele Unternehmen setzen deshalb auf gezielte Sensibilisierung: Schulungen, Informationskampagnen und interne Initiativen vermitteln Know-how über Umweltrisiken, zeigen Optimierungspotenziale im Arbeitsalltag auf und fördern die Eigenverantwortung. Ob beim korrekten Umgang mit Gefahrstoffen, bei der Abfalltrennung oder der bewussten Nutzung von Energie und Wasser – kleine Verhaltensänderungen können in der Summe viel bewirken. Nachhaltigkeit wird damit nicht zur abstrakten Unternehmensstrategie, sondern zum gelebten Bestandteil der Unternehmenskultur.
Für das Elektrogewerbe eröffnet diese Entwicklung neue Perspektiven. Die Nachfrage nach nachhaltig produzierten und energieeffizienten Lösungen wächst – sowohl bei privaten Konsumentinnen und Konsumenten als auch bei institutionellen Bauherren, Architekturbüros oder öffentlichen Auftraggebern. Wer in der Lage ist, diese Nachfrage mit kompetenter Beratung, klugem Sortiment und überzeugender Kommunikation zu bedienen, kann sich wirkungsvoll vom Wettbewerb abheben.
Insbesondere in der Kundenberatung spielt Nachhaltigkeit eine zunehmend zentrale Rolle. Kundinnen und Kunden stellen gezielte Fragen zur Herkunft von Produkten, zu deren Energieverbrauch oder zur Möglichkeit der Reparatur. Installateure und Fachhändler, die darauf fundierte und glaubwürdige Antworten geben können, gewinnen Vertrauen – und im Idealfall auch langfristige Kundenbeziehungen. Dabei geht es nicht nur um technische Fakten, sondern auch um Werte, Haltung und Orientierung.
Die Sortimentsgestaltung wird dabei zur trategischen Entscheidung. Wer sich frühzeitig mit nachhaltigen Produkten, Systemen und Marken auseinandersetzt, kann aktiv mitgestalten, statt nur zu reagieren. Auch im Bereich der Ausschreibungen und Projektplanung können Nachhaltigkeitskriterien zum Zuschlagsfaktor werden – gerade im öffentlichen und institutionellen Umfeld. Kenntnisse über Energieetiketten, Ökodesign-Verordnungen oder Rücknahmesysteme sind dabei ebenso wichtig wie die Fähigkeit, Lebenszykluskosten realistisch einzuschätzen.
Die Industrie bewegt sich, die Politik macht Druck, die Kundschaft wird anspruchsvoller. Nachhaltigkeit betrifft längst nicht mehr nur das Produkt – sondern das gesamte System dahinter. Für das Elektrogewerbe bedeutet das: Wer ökologisch und gesellschaftlich verantwortlich wirtschaften will, muss heute nicht nur Technik verstehen, sondern auch Zusammenhänge, Standards und Erwartungen. Wer bereit ist, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, kann nicht nur einen Beitrag leisten – sondern auch davon profitieren.
Quellen: Swissmem Nachhaltigkeitsplattform, Swisscleantech, SENS eRecycling, Energieetikette Schweiz, UNO Agenda 2030